„Ich unterstütze den Gesetzesentwurf von Jens Spahn zum Thema Organspende!“

Meine zu Protokoll gegebene Rede zum Thema Organspendeneuregelung:

Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Kollegen, sehr geehrte Besucher und Zuschauer,

„Wer hat ein moralisches Recht auf meinen Körper“ – unter dieser Überschrift ist vor kurzem ein langer Artikel zur Neuregelung der Organspenden in der Welt erschienen. Der Autor, Dr. Matthias Kamann – der mit mir übrigens nicht verwandt oder verschwägert ist –  hat sich darin umfassend mit Für und Wider der geplanten Änderungen befasst. Sein persönliches Fazit: Die Widerspruchsregelung sei eine Zumutung!

Viele Menschen empfinden das tatsächlich genau so. Als Zumutung. Als Eingriff in ihr Recht auf körperliche Unversehrtheit. Als Eingriff in ihre Freiheit. Als Eingriff in ihre ganz persönliche Entscheidung.

Durch die geplante Änderung wird jeder Mensch automatisch zum möglichen Spender – es sei denn, er widerspricht dem explizit. Das freiwillige Geschenk eines Menschen, Teile seines Körpers zu spenden, wird so implizit zu einer Forderung des Gesetzgebers. Natürlich ist das ein zweischneidiges Schwert. Es ist eine schwierige Entscheidung und ein moralisches Dilemma.

Gleichzeitig sterben jedes Jahr rund eintausend Menschen in Deutschland, weil sie kein Spenderorgan bekommen. Rund zehntausend Patienten stehen aktuell auf den Wartelisten für ein Spenderorgan. Jeder einzelne von ihnen wartet und hofft jeden Tag darauf, dass es doch möglicherweise ein passendes Spenderorgan für ihn gibt.

Und bei jeder – völlig legitimen und notwendigen – Debatte um moralische oder juristische Aspekte der Widerspruchslösung dürfen wir eines nicht vergessen: Auch wenn es gute Gründe gibt, die Widerspruchslösung abzulehnen, wird sie zweifelsfrei dazu führen, dass mehr Patienten überleben werden.

Vielleicht kommen Ihre Kinder, Ihre Enkelkinder, Ihre Ehepartner oder Eltern einmal in diese Situation. Dann wären Sie überglücklich, wenn es genügend passende Spenderorgane für Ihre Angehörigen gäbe und genau so geht es jedem Patienten und seiner Familie, dessen Leben von einer Organspende abhängt.

Die Kollegen, die die Widerspruchslösung ablehnen, verweisen häufig auf die Ausarbeitung des wissenschaftlichen Dienstes, aus der hervorgeht, dass z.B. in Schweden trotz der Einführung der Widerspruchslösung „die Zahl der Organspender im internationalen Vergleich recht gering“ geblieben sei und sich zwischen 2000 und 2016 nur von 97 auf 195 erhöht habe.

Das mag alles richtig sein, aber 98 zusätzlich gerettete Menschenleben sind 98 zusätzlich gerettete Menschenleben.

Jedes einzelne ist wertvoll und die Entscheidung, ob wir eine Neuregelung einführen, sollte nicht von statistischen Vergleichszahlen abhängig gemacht werden. Wollen Sie wirklich entscheiden, dass mehr Menschen sterben müssen, weil wir uns nicht auf die Widerspruchslösung einigen können?

Vor mehr als dreißig Jahren bin ich zum ersten Mal mit dem Thema Organspende direkt konfrontiert worden. Ich war 27, meine Mutter lag im Krankenhaus und ich wurde gefragt, ob ich einer Organspende zustimmen würde.

Damals habe ich das abgelehnt, weil ich das nur aus meiner Perspektive gesehen habe. Wenn ich heute daran zurückdenke, habe ich ein schlechtes Gewissen. Mit einer anderen Entscheidung hätte ich vielleicht ein Leben retten können!

Die Entscheidung, die wir heute zu treffen haben, ist eine schwierige –  und eine ganz persönliche!

Deshalb ist es auch richtig, dass jeder Mensch sich damit auseinandersetzt und für sich selbst beschließt, ob er seine Organe spenden möchte – oder nicht. Niemand wird durch das Gesetz gezwungen, Teile seines Körpers zu verschenken, aber alle werden sich Gedanken darüber machen und eine Entscheidung treffen müssen.

Ich habe viel darüber nachgedacht – ebenso wie Sie alle. Ich, für mich, bin zu dem Schluss gekommen, dass, gleichgültig in welche Richtung wir argumentieren, die Widerspruchslösung Menschenleben retten wird – und diese Tatsache überwiegt alle Gegenargumente.

Die Widerspruchslösung ist für viele Menschen eine Zumutung – aber sie ist eine notwendige! Deshalb werde ich dem Gesetzentwurf zustimmen und ich hoffe, die Mehrheit in diesem Hohen Haus wird dies auch tun.

Vielen Dank!