Corona und die Sterblichkeitsrate

Berlin, 09.12.2020

Über Statistiken, Mythen und Halbwahrheiten

Seit dem Ausbruch von Covid-19 driften die Meinungen zum Umgang mit dem Virus immer weiter auseinander. Da gibt es auf der einen Seite diejenigen, die die Bevölkerung mantraartig in Angst und Schrecken versetzen, zigtausende Tote vorhersagen und denen die Eingriffe in die Grundrechte gar nicht weit genug gehen können. Auf der anderen Seite gibt es das Extrem derjenigen, die Corona leugnen, es für eine Erfindung halten oder die die Gefährlichkeit dieses Virus stark in Zweifel ziehen. Dazwischen: viele Verunsicherte, die zwar sehen, dass von dem Virus eine gewisse Gefahr ausgeht, aber die getroffenen Maßnahmen von Bund und Ländern nicht logisch nachvollziehen können, die in ihrer Existenz bedroht sind oder durch die Restriktionen in ihrem Privatleben zu stark eingeschränkt werden. Anhänger dieser Extrempositionen versuchen zum Teil lautstark, ihre Sichtweise als die einzig wahre darzustellen, um verunsicherte Bürgerinnen und Bürger auf ihre Seite zu ziehen. Um dieses Ziel zu erreichen, werden dann sehr häufig Statistiken herangezogen, die dazu dienen sollen, die vorgetragenen Argumente zu untermauern. Dazu werden Zahlen und Daten aus den Statistiken herangezogen, die teilweise nicht miteinander vergleichbar sind, da es sich um Schätzungen handelt oder falsche Gründe angeführt werden. Früher haben wir immer gesagt: „Man kann nicht Äpfel mit Birnen vergleichen.“ Und das ist auch heute noch so. Anhand einiger Beispiele möchte ich aufzeigen, warum Vergleiche aus Statistiken hinterfragt werden sollten, da sie – je nach Interessenlage – unterschiedlich interpretiert werden können. Schauen wir uns einmal einige Aussagen und Thesen an, die immer wieder die Runde machen.

Corona vs. Grippe

Häufig hören wir die Aussage, dass es in den vergangenen Jahren auch schon einmal 25 000 Grippetote gab, aufgrund derer auch nicht solche einschneidenden Maßnahmen getroffen wurden.

Fakt ist, dass die Grippewelle 2018 einer der schlimmsten in den letzten 30 Jahren war. Die Zahl der Grippetoten 2018 wurde vom Robert Koch-Institut (RKI) auf 25 100 geschätzt. Es handelte sich somit um eine Schätzung, sodass die Zahl auch 10 000, 15 000 oder 30 000 hätte lauten können. Labortechnisch  wurden in den Jahren 2017 1176 Todesfälle und 2018 3029 Todesfälle durch das Grippevirus nachgewiesen  (Quelle: Statista). Aus diesem Grund ist ein Vergleich der aktuellen Covid-19-Zahlen mit denen der saisonalen Influenza aus den vergangenen Jahren nicht sinnvoll. Denn hier werden statistische Modelle geschätzt, während es sich bei den Covid-19-Todesfällen um labortechnisch nachgewiesene Fälle handelt. Laut RKI dauerte die Grippewelle 2017/2018 insgesamt 15 Wochen an, also etwa drei Monate. Das Covid-19-Virus dagegen ist, mit Abschwächung im Sommer, ganzjährig seit Ausbruch aktiv.

Die Sterblichkeitsrate beträgt nur 0,01 Prozent und stellt somit keine Gefahr dar

Diese Aussage ist in dieser Weise nicht richtig, denn hier bezieht man sich auf die Anzahl der Covid-19-Toten im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung in Deutschland. Die Sterblichkeitsrate auf diese Weise zu berechnen, würde nur Sinn ergeben, wenn sich 83,1 Millionen Menschen in Deutschland mit dem SARS-CoV-2 infiziert hätten (oder an Covid-19 erkrankt wären) und davon 0,01 Prozent gestorben wären. Laut dem Lagebericht gab es am 07.12.2020 1 194 550 bestätigte Infektionsfälle in Deutschland. Bisher ist aber nicht genau festzustellen, wie viele Menschen sich wirklich mit dem neuen Coronavirus infiziert haben. Das RKI schreibt auf seiner Website, aktuell liege der Fall-Verstorbenen-Anteil – also das Verhältnis der Todesfälle zu den gemeldeten Infektionsfällen – in Deutschland bei ca. 1,6 Prozent. Aber auch diese Zahl ist keine gesicherte Basis. Denn wir wissen mittlerweile, dass es eine große Dunkelziffer an Infizierten gibt, die keinerlei Symptome aufweisen oder nicht getestet wurden, und somit nicht in diese Berechnung mit eingeflossen sind. Die Letalität dürfte aufgrund dieser Tatsache deutlich geringer ausfallen.

Covid-19 führt zu einer Übersterblichkeit

Das Statistische Bundesamt führt auf seiner Internetseite dazu Folgendes aus und bezieht sich dabei auf die Daten des Robert Koch-Instituts: 27. November 2020 – Um die Frage zu beantworten, ob COVID-19 zu einer Übersterblichkeit führt, beobachten wir anhand einer Sonderauswertung die vorläufigen Sterbefallzahlen in Deutschland. Im April lagen die Sterbe­fallzahlen deutlich über dem Durch­schnitt der Vorjahre. Gleich­zeitig war ein Anstieg der Todesfälle zu beobachten, die mit dem Corona­virus in Zusammen­hang stehen (Quelle: Robert Koch-Institut (RKI)). Als diese zurück­gingen, bewegten sich ab Anfang Mai auch die Sterbe­fallzahlen zunächst wieder etwa im Durch­schnitt. Im August waren sie allerdings wieder erhöht. Dies geht offenbar auf eine Hitzeperiode zurück. Auch die Sterbe­fallzahlen im September und im Oktober liegen etwas über dem Durch­schnitt der Vorjahre.

Betrachtet man die Jahre 2016 bis 2020 (2016: 910 902, 2017: 932 272, 2018:  954 874, 2019: 939 520, bis 10/2020: 788 817), kann man gesamtheitlich gesehen keine deutlich überhöhte Sterblichkeit im Jahr 2020 gegenüber den Vorjahren feststellen. In all den Jahren gab es immer wieder Schwankungen und Ausprägungen, die auf unterschiedliche Ursachen zurückzuführen waren, wie z.B. die Grippewelle oder die Sommerhitze. Bei der Betrachtung des Jahresverlaufes in der Sterbefallstatistik sind die typischen Schwankungen während der Grippezeit von ungefähr Mitte Dezember bis Mitte April zu beachten. Dies wird beim Blick auf die Zahlen aus den Vorjahren deutlich: Im März 2019 starben beispielsweise etwa 86 700 Menschen. Im März 2018, also in einem Jahr, in dem die Grippewelle besonders heftig ausfiel, waren es 107 100 Menschen. Auch ohne Corona-Pandemie können die Sterbefallzahlen demnach insbesondere in der typischen Grippezeit stark schwanken. Doch auch bei diesen Vergleichen steckt der Teufel im Detail. Häufig werden nur die absoluten Todesfälle im Jahr berücksichtigt und miteinander verglichen, ohne diese in Relation zur Gesamtbevölkerungszahl zu betrachten. Auch hier hat sich einiges verändert. So stieg die Einwohnerzahl in Deutschland von 2016 bis 2020 um ca. 650 000 Personen. In Abhängigkeit der Bevölkerungszahl würde sich folgende prozentuale Sterberate ergeben: 2016 1,10 Prozent2017 1,12 Prozent2018 1,15 Prozent, 2019 1,13 Prozent, 2020 voraussichtlich ca. 1,14 Prozent. Dies zeigt, dass die Sterberate für das Jahr 2020 nicht überproportional von den vorherigen Jahren abweicht.

Weitere Effekte

Was bei den ganzen Diskussionen um Covid-19 auch oft in Vergessenheit gerät, ist die Tatsache, dass sich die Altersstruktur in Deutschland erheblich verändert. So ist beispielsweise die Altersgruppe der über 80-Jährigen von 2016 bis 2019 um 15 Prozent angewachsen – von 4,9 auf 5,7 Millionen Personen – und wird zukünftig noch weiter anwachsen. Da die Sterblichkeitsrate dieser Altersgruppe deutlich höher ist (Sterberate über 10 Prozent) und speziell diese Gruppe bei Grippewellen, Hitzeperioden und nun Covid-19 gefährdet ist, werden wir aufgrund der alternden Gesamtbevölkerung generell mit einer erhöhten Sterblichkeitsrate in den kommenden Jahren rechnen müssen.

Undurchsichtige Statistik der gemeldeten Corona-Todesfälle

Immer wieder wird vom RKI, von den Medien und der Politik über die erschreckende Gesamtzahl der Covid-19-Todesopfer gesprochen. Aber sind diese Zahlen immer so korrekt? Handelt es sich bei den Todesopfern wirklich um Personen, die nachweislich durch das Covid-19-Virus verstorben sind?

Dazu muss man Folgendes wissen: Zum einen wird ein Todesfall durch das RKI gezählt, wenn ein laborbestätigter Nachweis einer SARS-CoV-2-Infektion vorliegt und zum anderen, wenn Personen „in Bezug auf das Coronavirus“ verstorben sind. Die Formulierung „in Bezug“ steht auch in § 6 des Infektionsschutzgesetzes und hat nach Angaben des RKI zwei Bedeutungen:

  • „Gestorben an“ Covid-19: Personen, die unmittelbar an Covid-19 verstorben sind.
  • „Gestorben mit“ Covid-19: Menschen mit Vorerkrankungen, die mit SARS-CoV-2 infiziert waren und bei denen sich nicht abschließend nachweisen lässt, was die Todesursache war.

Aktuell werden sowohl Fälle, die „mit“ Covid-19 als auch „an“ Covid-19 gestorben sind, in der RKI-Todesfall-Statistik erfasst. In Bayern sind zum Beispiel nach Angaben des Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit bislang 88 Prozent der mit dem neuen Coronavirus infizierten Toten „an“ Covid-19 gestorben und 12 Prozent „mit“ Covid-19.

Die Entscheidung, ob jemand „an“ oder „mit“ Corona gestorben ist, wird allerdings nicht vom RKI getroffen, sondern von den lokal zuständigen Gesundheitsämtern auf Basis ärztlicher Todesbescheinigungen des jeweiligen Arztes. Dies kann bedeuten, dass ein Unfallopfer, das nachweislich durch den Unfall zu Tode kam, aber positiv auf Covid-19 getestet wurde, in der Covid-19-Todesfallstatistik des RKI auftaucht. Am Beispiel Bayern müsste man somit 12 Prozent aus der Gesamtstatistik herausrechnen, da man bei diesen Verstorbenen nicht nachweislich belegen kann, dass sie an dem Virus verstorben sind. Die Statistik des RKI suggeriert der Bevölkerung somit eine deutlich höhere als die tatsächliche Sterberate.

Anhand dieser wenigen Beispiele kann man erkennen, dass eine genaue Beurteilung der Lage sowie der Vergleich mit Daten aus verschiedenen Statistiken häufig hinkt, da man sich unterschiedlicher Zählweisen bedient, es Veränderungen der Alters- und Bevölkerungsstruktur gibt und einige Daten auf unterschiedlichen Schätzungen basieren.

Genau das macht eine hundertprozentige Vergleichbarkeit bzw. Transparenz so schwierig. Unterschiedliche Interessensgruppen bedienen sich, wie eingangs beschrieben, der Zahlen und Vergleiche, die Ihnen und ihrer Anhängerschaft am besten geeignet erscheinen, ihre Ziele und Interessen zu verfolgen. Die oben beschriebene Thematik lässt somit auch keine Vergleiche mit anderen Ländern zu, da auch dort unterschiedliche Grundvoraussetzung herrschen, wie beispielsweise die Qualität des Gesundheitswesens oder die Bevölkerungszahl und –dichte, um nur einige Beispiele zu nennen.

Quellen: RKI, Statista, in Franken